Auf den Punkt gebracht – Teil 1:
EnEV und Energieausweis für Gebäude

Wer heute ein Haus oder ein sonstiges Gebäude baut, modernisiert, kauft oder erbt, stößt früher oder später auf die Anforderungen der Energieeinsparverordnung (EnEV). Ich habe mit der Herausgeberin und Autorin des Expertenportals www.EnEV-online.de Melita Tuschinski über die wichtigsten Fakten der Verordnung und den Energieausweis gesprochen.


Frau Tuschinski, stellen Sie sich doch zunächst kurz vor und sagen Sie uns, über welche Themen Sie auf EnEV-online informieren.

Ich arbeite als Freie Architektin mit dem eigenen Büro „Institut für Energie-Effiziente Architektur mit Internet-Medien“ in Stuttgart. Seit 15 Jahren bin ich Autorin, veröffentliche Artikel in Fachzeitschriften und gebe das Experten-Portal EnEV-online.de heraus. Damit schlage ich die Brücke von den energiesparrechtlichen Regelungen für Gebäude – Energieeinsparverordnung (EnEV) und Erneuerbare-Energien-Wärmegesetz (EEWärmeG) – zur praktischen Anwendung. Meine Themen betreffen die Energieeffizienz von Gebäuden, den Wärmeschutz der Gebäudehülle, die Anlagentechnik, den Energieausweis sowie die Nutzung erneuerbarer Energien im Neubau und Bestand.

Wozu gibt es die Energieeinsparverordnung (EnEV)?

Seit der Erdölkrise in den siebziger Jahren hat der Bund gesetzliche Regeln zur Energieeinsparung in Gebäuden eingeführt. Das erste Energieeinsparungsgesetz (EnEG 1976) ermächtigte die Bundesregierung, dass sie Verordnungen – mit Zustimmung der Länder bzw. des Bundesrates – erlässt. So kam es zur ersten Wärmeschutzverordnung (WSchVO 1977), weil man festgestellt hatte, dass die Dämmung der Außenhülle eine wichtige Rolle spielt. Parallel dazu regelte die erste Heizungsanlagenverordnung (HeizAnlV 1978) die Belange der Anlagentechnik für Raumwärme und Warmwasser. In der Zwischenzeit bereitete die Europäische Kommission eine EU-Richtlinie über die Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden vor, die ab 2003 für die Regierungen der Mitgliedsstaaten galt. Letztere mussten in ihren Ländern Regeln einführen um die Ziele der EU-Richtlinie zu erfüllen. Neu war nun, dass die beiden Aspekte – Wärmeschutz der Gebäudehülle und energieeffiziente Anlagentechnik – in ihrem Zusammenspiel im Gebäude betrachtet wurden. Der Bund wollte diese beiden Regeln in der Energieeinsparverordnung zusammenführen. Die erste Energieeinsparverordnung EnEV 2002 trat am 1. Februar 2002 in Kraft.

Seitdem hat der Bund das EnEG und die EnEV stets weiterentwickelt, auch im Hinblick auf weitere europäische Vorgaben. Das Ziel der Verordnungen ist die Energieeinsparung in Gebäuden durch eine gesteigerte Energieeffizienz. Als Messlatte dienen sowohl der Primärenergiebedarf für die Anlagentechnik zum Heizen, Wassererwärmen, Lüften und Kühlen und bei Nichtwohngebäuden auch zum Beleuchten, als auch der Wärmeschutz der Gebäudehülle. Die EnEV beschränkt den zulässigen Jahres-Primärenergiebedarf des Gebäudes und die Wärmeverluste durch seine Außenbauteile.

Im Rahmen der Energiewende spielen die EnEV und auch die anderen Gebäude-Regelungen – EnEG und EEWärmeG – eine wichtige Rolle, denn Gebäude haben einen erheblichen Energieverbrauch während ihrer Nutzung und belasten die Umwelt zu 30 Prozent mit klimaschädlichen Emissionen.

Die aktuelle EnEV 2014, bzw. die höheren Anforderungen im Neubau der EnEV ab 2016, erfüllen die europäischen Vorgaben der neuesten EU-Richtlinie von 2010 nur teilweise, weshalb die Verordnung bis Ende des Jahres erneut novelliert werden soll. Der Bund muss laut EU-Richtlinie ab 2021 den Niedrigstenergie-Neubau Standard einführen – für öffentliche neu errichtete Gebäude bereits ab 2019.

Für welche Gebäude gilt die EnEV?

Die Verordnung gilt für alle Gebäude, die unter Einsatz von Energie beheizt oder gekühlt werden sowie für deren Anlagentechnik. Die Energie, die für Produktionsprozesse im Gebäude benötigt wird, unterliegt nicht der EnEV. Es gibt jedoch auch viele Ausnahme-Gebäude, bei denen nur die Anlagentechnik den EnEV-Anforderungen entsprechen muss. Beispielhaft wären Tierställe, unterirdische Bauten, Traglufthallen, Zelte, Kirchen, bestimmte Ferien- und Wochenendhäuser oder Industriegebäude, die wenig beheizt oder gekühlt werden.

Was müssen Planer und Architekten bei einem Neubau seit 2016 beachten?

Die Verordnung hat die energetischen Anforderungen erhöht: Der erlaubte Jahres-Primärenergiebedarf für die Anlagentechnik von Neubauten ist um 25 Prozent gesunken, der Wärmeverlust durch die Gebäudehülle wurde um 20 Prozent gemindert. Das bedeutet: eine noch energieeffizientere Anlagentechnik und einen noch besseren Wärmeschutz für die Außenbauteile des Neubaus – also Außenwand, Dach, Bodendecke und Fenster. Auf EnEV-online finden Sie dazu ausführliche Informationen zur EnEV ab 2016, sowohl für Fachleute, als auch für Bauherren.

Melita Tuschinski: Energieeinsparverordnung (EnEV) und Erneuerbare-Energien-Wärmegesetz (EEWärmeG) parallel anwenden. EnEV 2014, EnEV ab 2016 und EEWärmeG 2011, Teil 1: Kurzinfo für die Praxis, aktualisiert und erweitert, Mai 2016, DIN A4, 250 Seiten, Verlag BoD-Books on Demand, Norderstedt

Wie sehen die EnEV-Anforderungen für den Gebäudebestand aus?

Der geforderte Wärmeschutz-Standard für den Bestand hat sich seit der EnEV 2009 nicht geändert. Nach wie vor dürfen Eigentümer, wenn sie mehr als zehn Prozent der gesamten Bauteilfläche ihres Bestandsgebäudes energetisch sanieren, die höchstzulässigen Wärmedurchgangskoeffizienten (genannt: U-Werte) der EnEV nicht überschreiten. Die Tabelle mit den entsprechenden U-Werten stehen in Anlage 3 der Verordnung (Anforderungen bei Änderung von Außenbauteilen).

Nur wer einen größeren Anbau, Aufbau oder Ausbau plant und dabei auch die Heizung erneuert, muss berücksichtigen, dass der neu hinzugekommene Gebäudeteil die Neubau-Anforderungen der Verordnung erfüllt – je nachdem, für Wohn- oder für Nichtwohngebäude. Dabei greift der höhere Neubau-Standard ab 2016 in diesen Fällen jedoch nicht.

Wer Eigentümer eines Bestandsgebäudes ist oder ein älteres Haus oder sonstiges Gebäude kaufen oder erben wird, sollte sich rechtzeitig über die Nachrüstpflichten, die die EnEV vorschreibt, informieren und auch die Termine im Auge behalten. Andernfalls könnte ein Bußgeld von bis zu 50.000 Euro drohen.

Wer ist für den Vollzug der EnEV zuständig?

Die Bundesländer sind dafür zuständig, dass die EnEV in der Praxis richtig angewandt wird. Auf EnEV-online gibt es eine Übersicht mit den Kontakten zu den einzelnen Bundesländern. Diese Stellen nehmen auch Anzeigen wegen EnEV-Verstößen an und gehen diesen ggf. nach. Zumindest hoffe ich das. Vor Jahren sandte mir einer meiner Leser eine E-Mail zu, in der ihm die Behörde mitteilte, dass sie keine Kapazitäten hätten um dieser Art von Verstößen nachzugehen.

Welche Rolle spielt der Energieausweis, wer kann ihn ausstellen und wann muss er vorgelegt werden?

Der Energieausweis – auch vielen bekannt als „Energiepass für Gebäude“ – soll darüber informieren, wie ein Gebäude in punkto Energieeffizienz dasteht. Man kann keine direkten Schlüsse daraus ziehen, wie sich der Energieverbrauch in den nächsten Jahren in einer Wohnung oder einer sonstigen Nutzungseinheit konkret gestalten wird. Man kann aber mit dem Energieausweis verschiedene Gebäude vergleichen. Leider laufen noch immer der Bedarfs- und der Verbrauchsausweis parallel nebeneinander her. Der Bedarfsausweis berücksichtigt den Wärmeschutz der Außenhülle und die eingebaute Anlagentechnik des Gebäudes und stützt sich auf normierte Eingaben für die Nutzung. Der Verbrauchsausweis beruht auf den Verbrauchsdaten der letzten drei Jahre, berücksichtigt jedoch nicht, wie viele Personen das Gebäude genutzt und wie das Heiz- und Lüftungsverhalten den Verbrauch beeinflusst haben.

Den Energieausweis im Bestand stellen berechtigte Fachleute aus, beispielsweise Architekten, Planer und Energieberater und im Wohnbestand auch bestimmte Handwerker, wenn sie über eine entsprechende Qualifizierung verfügen. Dieses regelt die EnEV bundesweit im § 21 (Ausstellungsberechtigung für bestehende Gebäude). Der Kompass für Aussteller von EnEV-online hilft mit einer Checkliste zu Fragen der Ausstellungsberechtigung. Doch Achtung: Dieses gilt nur für unveränderte Bestandsgebäude. Wenn ein Eigentümer sein Haus oder Gebäude energetisch verändert und der planende Architekt den Nachweis anhand der sogenannten 140-Prozent-Regel (d. h. der Altbau ist höchstens 40 Prozent über dem Neubau-Standard) für das ganze Gebäude geführt hat, dann bestimmt das Landesbaurecht, wer den entsprechenden Energieausweis ausstellen darf. Auf EnEV-online finden Interessierte auch Kontakte zu Energieausweis-Ausstellern nach Gebäudeart und Postleitzahl gelistet.

Die EnEV schreibt auch vor, zu welchen Anlässen ein Energieausweis für Gebäude vorliegen muss:

  • Neubau:
    
Nachdem das Gebäude fertiggestellt ist, muss der Bauherr bzw. Eigentümer dafür sorgen, dass man ihm unverzüglich ein Energieausweis aufgrund der tatsächlichen Eigenschaften des Gebäudes ausgestellt wird. Falls sich also während der Bauausführung etwas geändert hat, muss der Aussteller dieses in der Energieausweis-Berechnung berücksichtigen und das Gebäude muss mitsamt diesen Änderungen die EnEV-Anforderungen erfüllen. Wer diesen Energieausweis ausstellen darf bestimmt das jeweilige Landesbaurecht. Meist sind es die bauvorlageberechtigten Architekten und Planer. Dem Eigentümer dient dieser Energieausweis als EnEV-Nachweis bei der Baubehörde sowie als Information für eventuelle Mieter oder Käufer.
  • Bestand nach Sanierung mit Nachweis anhand des gesamten, sanierten Gebäudes: 
Diesen Fall habe ich weiter oben eben beschrieben.
  • Bestand unverändert bei Verkauf, Neuvermietung, -verpachtung oder -leasing: 
Der Verkäufer oder Neuvermieter muss den Energieausweis den potenziellen Kunden spätestens bei der Besichtigung vorlegen. Nachdem der Vertrag abgeschlossen ist, wird der Energieausweis als Original-Dokument oder als Kopie ausgehändigt. Wie ich bei einer Anfrage an die Landesbehörden festgestellt habe, sind sich die Länder uneinig, ob die digitale Form – d. h. der Energieausweis als pdf-Datei per E-Mail – ausreicht.

Frau Tuschinski, vielen Dank für das sehr ausführliche und aufschlussreiche Gespräch! Wir haben die wichtigsten Begriffe im Interview mit den passenden Seiten auf EnEV-online.de verlinkt.

Kontakt zur EnEV-online Redaktion:


Melita Tuschinski, Dipl.-Ing.UT, Freie Architektin

Bebelstraße 78, D-70193 Stuttgart

Telefon: +49 (0) 711 / 6 15 49 26

E-Mail: http://service.enev-online.de/portal/kontakt.htm
Internet: www.enev-online.de

Hier geht's zum zweiten Teil des Interviews mit Frau Tuschinksi: Auf den Punkt gebracht – Teil 2. Darin geht es um das Energiesparrecht für Gebäude ab 2017.