Auf den Punkt gebracht – Teil 2:
Energiesparrecht für Gebäude ab 2017

Wer heute ein Haus oder ein sonstiges Gebäude baut, modernisiert, kauft oder erbt, stößt früher oder später auf die Anforderungen der Energieeinsparverordnung (EnEV). Im zweiten Teil des Interviews habe ich mit der Herausgeberin und Autorin des Expertenportals www.EnEV-online.de Melita Tuschinski über das kommende Energiesparrecht ab 2017 gesprochen.


Welche aktuellen Ziele verfolgt die EU hinsichtlich des Niedrigstenergie-Gebäudestandards?

Wie Ministerialrat Peter Rathert vom Bundesbauministerium (BMUB) kürzlich auf einer Tagung berichtete, hat die EU-Kommission zu diesem Thema im letzten Jahr den Entwurf eines Leitfadens veröffentlicht und mit den Mitgliedsstaaten diskutiert: Als Niedrigstenergie-Gebäudestandard benennt sie darin als höchstzulässigen Jahres-Primärenergiebedarf für ein Einfamilienhaus 30 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr (kWh/m²a). Dieses würde hierzulande einem KfW-Effizienzhaus 40 entsprechen. Die EU-Kommission hat diese „Guidance Note“ inzwischen zwar zurückgezogen, aber der Entwurf lässt erkennen, was sie sich unter einem „Fast-Null-Energie Einfamilienhaus“ vorstellt.

Die Energieeinsparverordnung (EnEV) und das Erneuerbare-Energien-Wärmegesetz (EEWärmeG) sollen zusammengeführt werden. Wie hängen die beiden Verordnungen zusammen?

Wer baut, saniert oder einen Bestandsbau verändert, muss häufig parallel zur geltenden Energieeinsparverordnung (EnEV) auch das Erneuerbare-Energien-Wärmegesetz (EEWärmeG) erfüllen. Die EnEV fordert energieeffiziente Gebäude. Dafür beschränkt sie den erlaubten Primärenergiebedarf und begrenzt den Wärmeverlust durch die Gebäudehülle. Eigentümer von Neubauten müssen ­ laut EEWärmeG 2011 ­ auch einen Teil der benötigten Wärme oder Kälte über erneuerbare Energien wie Solarstrahlen oder Erdwärme decken. Alternativ können sie vom Gesetz anerkannte Ersatzmaßnahmen durchführen.

Melita Tuschinski: Energieeinsparverordnung (EnEV) und Erneuerbare-Energien-Wärmegesetz (EEWärmeG) parallel anwenden. EnEV 2014, EnEV ab 2016 und EEWärmeG 2011, Teil 1: Kurzinfo für die Praxis, aktualisiert und erweitert, Mai 2016, DIN A4, 250 Seiten, Verlag BoD-Books on Demand, Norderstedt

Wie sehen die Vorgaben für das Energiesparrecht 2017 aus?

Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten, weil die Vorgaben sehr komplex und miteinander verwoben sind: Laut EU-Vorgaben muss der Bund den Niedrigstenergie-Neubaustandard einführen. Im aktuellen EnEG 2013 ist der Zeitplan für die entsprechende EnEV-Novelle sehr knapp bemessen. Bis Ende 2016 müssen die energetischen Anforderungen an neu errichtete öffentliche Gebäude festgeschrieben sein, d. h. die EnEV muss noch dieses Jahr novelliert werden. Der Bund hat sich vorgenommen, bei dieser Gelegenheit die drei parallel laufenden energiesparrechtlichen Gebäude-Regeln – EnEG 2013, EnEV 2014 / ab 2016 und EEWärmeG 2013 - zu einem neuen rechtlichen Instrument zusammenzuführen. MR Rathert sprach in seinem Vortrag von einem neuen „Zusammenführungsgesetz EnEV und EEWärmeG“. Allerdings wurde ein erster Entwurf zu diesem Zusammenführungsgesetz inzwischen verworfen.

Hinzu kommen noch folgende Vorgaben:

  • Die EU-Kommission schreibt ein kostenoptimales Niveau für den Niedrigstenergie-Neubaustandard vor.
  • Bestand nach Sanierung mit Nachweis anhand des gesamten, sanierten Gebäudes: 
Diesen Fall habe ich weiter oben eben beschrieben.
  • Das EnEG 2013 verpflichtet die Bundesregierung nur Energiespar-Regelungen für Gebäude zu erlassen, die sich wirtschaftlich realisieren lassen.
  • Die Baukostensenkungskommission hat festgestellt, dass sich bereits durch die EnEV ab 2016 die Erhöhung der Baukosten nicht vermeiden lassen. Weitere Kostenanhebungen sind nicht erwünscht.
  • Mit dem „Nationalen Aktionsplan Energieeffizienz“ (NAPE) setzt die Bundesregierung die EU-Richtlinie zur Energieeffizienz von 2012 um. Der Aktionsplan will den Primärenergiebedarf in Deutschland aus dem Jahr 2008 in den nächsten vier Jahren – also bis 2020 - um 20 Prozent senken.
  • Das Bundeskabinett hat am 3. Dezember 2014 das „Aktionsprogramm Klimaschutz 2020“ beschlossen. Damit stellt die Bundesregierung sicher, dass Deutschland seine Treibhausgasemissionen bis 2020 um 40 Prozent gegenüber 1990 reduziert.
  • Klimaschutz braucht eine langfristige Orientierung. Deshalb hat die Koalition vereinbart, dass sie noch in dieser Legislaturperiode einen „Klimaschutzplan 2050“ verabschiedet. Das BMUB hat einen Plan erstellt, der zurzeit abgestimmt wird. Das Bundeskabinett soll den „Klimaschutzplan 2050“ dieses Jahr verabschieden.
  • "Bezahlbares Wohnen und Bauen" - mit diesem Ziel im Auge bildete sich im Sommer 2014 ein Bündnis von Bund, Ländern, Kommunen und betroffenen Wirtschaftsverbänden. In dem Abschlussbericht findet sich auch eine ganze Reihe von Änderungs-Vorschlägen für die kommende EnEV 2017.
  • Die Bauministerkonferenz hat vor einigen Wochen beschlossen, dass die EnEV und das EEWärmeG neu konzipiert werden sollten. Sie erwartet optimierte, wesentlich vereinfachte Regelungen mit einer hohen Klimaschutzwirkung und niedrigen Bau- und Bewirtschaftungskosten.

Wo können sich Bauherren und Sanierer informieren?

Wenn Bauherren oder Sanierer mit ihren Überlegungen noch ganz am Anfang stehen, empfehle ich häufig, sich zunächst an ein Beratungsbüro der Verbraucherzentrale zu wenden und sich die kostenfreien Informationen anzusehen. In einem zweiten Schritt kann man sich über Fachportale im Internet informieren. Es lohnt sich sicherlich auch ein entsprechendes Buch zu kaufen. In meinem neuen Buch „EnEV und EEWärmeG parallel anwenden“ habe ich z. B. den Verordnungstext und das Gesetz für jedermann verständlich erklärt. Nicht zuletzt sollten sich Bauherren an spezialisierte Fachleute wenden. Gerne empfehle ich auch die kostenfreie Hotline der Deutschen Energie-Agentur (dena).

Welche Praxishilfen bieten Sie Planern, Architekten und Energieberatern?

Auf EnEV-online wende ich mich primär an meine Berufskollegen – Architekten, Planer, Energieberater und Bauausführende – informiere jedoch auch für deren Auftraggeber, denn Letztere sind schließlich dafür verantwortlich, dass sie die Vorgaben der EnEV oder des EEWärmeG erfüllen. Sie alle finden die Texte der aktuellen EnEV und EEWärmeG als verlinkte Webseiten auf meinem Portal, mit den neuesten Änderungen eingepflegt. Ich erwähne dies, weil die im Bundesgesetzblatt verkündete EnEV 2014 nur die Änderungen im Vergleich zur EnEV 2009 umfasst.

Als Praxishilfen finden meine Leser sowohl Erläuterungen zu speziellen Aspekten – beispielsweise: EnEV erhöht den Energie-Standard ab 2016, als auch Antworten zu Praxisbeispielen geordnet nach Interessenten gehören dazu, beispielsweise: Was fragen Fachleute zur EnEV ab 2016? oder Was fragen Bauherren zur EnEV ab 2016? Sehr viel besucht erweist sich auch meine Tabelle mit den Verstößen nach EnEV und den entsprechend drohenden Bußgeldern.

Für Fachleute organisiere ich seit Beginn der EnEV 2002 sogenannte „Online-Workshops“, im Rahmen derer ich zusammen mit anderen EnEV-Experten auf Fragen zu Praxisbeispielen antworte. Der Zugang zu den Antworten ist allerdings kostenpflichtig.

Demnächst veröffentliche ich ein neues Buch „EnEV ab 2016 – Geänderte Energieeinsparverordnung für Gebäude anwenden“. Wer sich dafür interessiert, kann mir Bescheid geben und ich informiere ihn oder sie kurz per E-Mail sobald mein neues Buch verfügbar ist. Und nicht zuletzt möchte ich meinen kostenfreien EnEV-Newsletter empfehlen. Die Abonnenten erfahren so alle drei Wochen per E-Mail, welche neuen Informationen Sie in EnEV-online finden. Ich danke allen für ihr Interesse!

Frau Tuschinski, vielen Dank für das sehr ausführliche und aufschlussreiche Gespräch! Wir haben die wichtigsten Begriffe im Interview mit den passenden Seiten auf EnEV-online.de verlinkt.

Kontakt zur EnEV-online Redaktion:


Melita Tuschinski, Dipl.-Ing.UT, Freie Architektin

Bebelstraße 78, D-70193 Stuttgart

Telefon: +49 (0) 711 / 6 15 49 26

E-Mail: http://service.enev-online.de/portal/kontakt.htm
Internet: www.enev-online.de

Den ersten Teil des Interviews kann man hier lesen: Auf den Punkt gebracht – Teil 1. Das Thema: EnEV und Energieausweis für Gebäude.